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Amelie und Felix haben eine spezielle Sicht auf die Welt
Riechen, schmecken, hören, fühlen und sehen – das sind unsere Sinne. Dass einer davon vorübergehend seinen Dienst verweigert, hat jeder von uns schon bei einer dicken Erkältung erlebt. Amelie und Felix haben sich daran gewöhnt, dass einer ihrer fünf Sinne nicht gut funktioniert: Die beiden sind sehbehindert.
Kokett streicht Amelie sich eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht und schlägt die Beine übereinander. Die 14-Jährige ist von Kopf bis Fuß modisch gekleidet, die Augenwimpern sind dezent getuscht. Auf den ersten Blick würde man nicht auf die Idee kommen, dass an Amelie eine Kleinigkeit anders ist als bei den meisten Mädchen ihres Alters. Nur wer die Schülerin aufmerksam betrachtet, merkt, dass ihr Blick ein klein wenig am Gesprächspartner vorbeigeht, dass ihre Augen die des Gegenübers nicht fixieren können.
Amelies Augen haben nur zehn Prozent Sehkraft. Sie erkennt Farben, kann hell und dunkel unterscheiden – Details und scharf sehen kann sie nicht. Um zu erkennen, wie spät es ist, muss sie die Uhr direkt unter die Nasenspitze halten. „Ich hab’ mich an meine Art zu sehen gewöhnt“, sagt die Neuntklässlerin.
Genau wie Felix (12) geht die 14-Jährige im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg zur Schule. Jeden Tag fährt sie mit dem Bus, der S-Bahn und der U-Bahn von Erlangen nach Langwasser. Das schafft sie ohne Hilfe. „Ich kenne die Strecke ja. Nur wenn ich am Bahnsteig etwas lesen muss, wird es schwierig“, sagt Amelie. „Aber Verspätungen werden ja durchgesagt.“
Blinde Mutter
Felix trägt eine kleine runde Brille. Dank ihr hat er 50 Prozent Sehkraft. „Ohne Brille sehe ich fast nichts“, gesteht der junge Fürther, „aber mit sehe ich am besten in meiner Familie.“ Er hat seine Augenkrankheit von der Mutter geerbt: Netzhautablösung. Felix’ Mama ist daran vor etwa zehn Jahren erblindet. Bei Felix versuchen die Ärzte, das zu verhindern: Sieben Mal ist er bisher operiert und gelasert worden. Dabei wurden Löcher in der Netzhaut zugenäht, die zu einer Ablösung hätten führen können. Auch Felix’ Papa und die beiden Brüder sind sehbehindert.
Bessere Noten
Für Felix ist das Leben mit schlechten Augen normal – er kennt es nicht anders. Er hilft der blinden Mama beim Einkaufen und Kochen und geht mit dem Blindenhund Gassi. Die ersten drei Jahre hat er in Fürth eine reguläre Grundschule besucht, seit der 4. Klasse geht er ins Förderzentrum für Sehbehinderte. „Wir haben kleinere Klassen, damit wir besser gefördert werden“, erzählt der Zwölfjährige. „Ich bin viel besser geworden.“ 13 Mitschüler gehen mit ihm in die Klasse, bei Amelie sind es sogar nur zehn.
Amelie wechselte in der 5. Klasse in die Förderschule. „In der 2., 3. Klasse konnte ich immer schlechter von der Tafel lesen. In der 4. saß ich schon ganz vorne, aber meine Freundin musste mir trotzdem alles vorlesen.“ Die Ärzte stellten die Augenkrankheit „juvenile Makuladegeneration“ fest. Das bedeutet, durch eine genetische Störung funktioniert Amelies Netzhaut nicht richtig. „Ich kann mich aber gar nicht erinnern, wie ich früher als kleines Kind gesehen habe“, sagt Amelie.
In den meisten Alltagssituationen haben Amelie und Felix längst Tricks gefunden, trotz der schlechten Augen klarzukommen. Felix bekommt in der Schule alle Arbeitsblätter extra-groß kopiert und sitzt in der ersten Reihe. Amelie benutzt zum Lesen eine elektrische Lupe, das Tafelbild kann sie sich über eine Kamera auf den Bildschirm ihres Laptops heranzoomen. Und in Mathe schreibt sie einfach alles etwas größer in ein Heft mit XL-Kästchen.
Surfen im Internet, posten auf Facebook, SMS lesen oder Fernsehen – all das macht Amelie völlig selbstverständlich. Nur beim SMS-Schreiben muss sie sich auf ihr Gefühl für die richtigen Tasten verlassen. Beim SMS-Lesen kann sie die Schrift im Display ihres Telefons vergrößern.
Die Freunde gehen mit Amelies Sehschwäche längst routiniert um: So sitzt die Clique im Kino eben in der Mitte und nicht in der letzten Reihe. „Und ungefragt erklären sie mir, was gerade zu sehen ist, wenn sie das Gefühl haben, es ist ein zu kleines Detail für mich“, sagt Amelie schmunzelnd. Inlineskaten und Schlittschuhlaufen macht die 14-Jährige nicht mit Vollgas, zum Fahrradfahren schwingt sie sich mit Freundin Judith (15) aufs Tandem und in der Tanzgruppe orientiert sie sich am Mädel direkt vor ihr. „Die wissen dort auch gar nicht, dass ich so schlecht sehe.“
Fußballfan Felix feuert seinen Club oft im Stadion an. „Da habe ich mein Monokular dabei“, erklärt Felix. Mit dem Vergrößerungsglas entgeht ihm kein Spielzug. Auch selbst spielt er regelmäßig mit Freunden im Fürther Südstadtpark Fußball. „Da merkt man überhaupt nicht, dass er schlecht sieht“, sagen Cousin Max (13) und Nachbarin Laura (11) einstimmig. „Höchstens im Dunkeln.“
Abitur als Ziel
Nach der 10. Klasse im M-Zug am Förderzentrum möchte Amelie auf die FOS wechseln und ihr Abitur machen. „Auf der Regelschule wird’s bestimmt hart“, fürchtet die 14-Jährige, „wir werden hier ja schon sehr behütet.“ Dennoch will Amelie den Schritt in ein ganz normales Leben gerne wagen. „Ich bin an dem Punkt, dass ich aus diesem geschützten Nest raus will. Ich möchte erleben, wie es an einer normalen Schule zugeht und wie ich mich dort zurechtfinde“, sagt Amelie selbstbewusst.
Auf ein paar Dinge werden Amelie und Felix allerdings ihr ganzes Leben verzichten müssen: Während Felix darauf hofft, mit speziellen Kontaktlinsen seine Sehkraft auf 60 Prozent steigern zu können und so später auch den Führerschein machen zu dürfen, wird Amelie sich nie hinters Steuer setzen dürfen. „Manchmal“, sagt Amelie, „manchmal kommt mir schon der Gedanke, warum ich das mit den Augen habe...und was ich machen würde, wenn es nicht so wäre.“
KRISTINA BANASCH
 
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