Studienortwechsel? Ein Problem! PDF Drucken

Die Unigebäude liegen am Fluss Corrib der durch Galway fließtJohanna aus Irland berichtet über ihre Uni in Galway und vergleicht sie mit Hochschulen in anderen Ländern

Unter dem Riegel „Ausland-Extra“ stellen wir in loser Folge verschiedene Aspekte eines Auslandsaufenthalts im Studium vor. Den  3. Teil hat Johanna Stock (17) verfasst. Sie ist in Nürnberg geboren, aber in Irland aufgewachsen. Jetzt studiert sie dort Kreatives Schreiben, Spanisch und Psychologie. Sie könnte sich aber auch vorstellen, Grundschullehramt in Deutschland zu studieren.
Was tun? Eine schwere Entscheidung – vor allem in finanzieller Hinsicht. Denn es gibt erhebliche Unterschiede zwischen Irland und Deutschland. Johanna hat sie hier zusammengefasst – und dabei auch noch einen Blick in andere EU-Länder geworfen.

Zugang zum Studium

„Man braucht ein Abitur oder besser gesagt, eine Hochschulzugangsberechtigung“, sagt Markus Heil, Berufsberater in der Auslandsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Nur so kommt man an die Universitäten in Europa. Aber auch mit einem Fach-Abitur oder einer Berufsausbildung kann man auf eine Fachhochschule in Deutschland gehen.
Das Schulsystem in Irland ist komplett anders. Hier geht jeder Schüler sechs Jahre lang auf die „Primary School“ und danach aufs Gymnasium (Secondary School). Es gibt gar keine andere Möglichkeit, und bis zum 16. Lebensjahr ist Schule Pflicht. Fast jeder Schüler macht dann mit 17 oder 18 sein Abitur, egal, ob er studieren will oder nicht. Wer studieren will, geht automatisch auf eine Uni. Etwas anderes, zum Beispiel Fachhochschulen, gibt es in Irland kaum.

Studiengebühren

Nachdem Baden-Württemberg und Hamburg die Studiengebühren abschaffen werden, bleiben nur noch die Bundesländer Bayern und Niedersachsen, die Campus-Maut erheben — maximal 500 Euro im Semester. In Irland gibt es für das erste Bachelor-Studium offiziell keine Studiengebühren. Die heißen bei uns „Verwaltungsgebühren“ (non-tuition charges) und liegen bei 2 224 Euro (!) im Jahr. Dafür erhalte ich eigentlich gar nichts: kein Essen in der Mensa, kein Schließfach, letztlich nur einen Studentenausweis.

Länder wie Finnland, Norwegen und Schweden kennen gar keine Studiengebühren. Spanische Universitäten verlangen etwa 600 Euro Studiengebühren pro Jahr, italienische Studenten müssen mindestens 750 Euro im Jahr hinlegen. Frankreich wiederum hat keine Studiengebühren, sondern „Einschreibungsgebühren“ (les droits de scolarité, wörtlich übersetzt: die Rechte zum Studieren), die im Schnitt bei 200 Euro pro Bachelor-Studienjahr liegen.

In England ist das alles viel teurer. Es gab zwar Studenten-Demonstrationen in London, aber die halfen nichts. Die Gebühren können jetzt bis zu 9 000 Euro im Jahr betragen. Das Studieren in England und Irland ist nämlich eine Elite-Angelegenheit. In beiden Ländern wird der Unterschied immer größer zwischen denen, die sich ein Studium leisten können, und denen, die dafür zu arm sind.
Schottland hat bestimmte Regelungen, wenn es ums kostenlose Studium geht. Wenn du ein EU-Bürger oder Schotte bist, dann übernimmt die schottische Regierung deine Studiengebühren. Jedes Jahr muss man sich neu anmelden, um von den Gebühren befreit zu werden.

Abschlüsse

Die englischen – und jetzt auch eingedeutschten – Namen Bachelor und Master sind noch nicht einmal gleich in allen europäischen Ländern. In Frankreich wird der Bachelor als „licence“ bezeichnet und in Spanien „Título de grado“, da der Bachelor-Titel (Baccalaureate) in beiden Ländern schon für das Abitur verwendet wird. Wenn nicht mal die Namen unsere Studiengänge einheitlich sein können, dann ist es fast unmöglich, an einheitliche Studiengebühren zu denken. Dafür braucht Europa wohl noch ein paar Jahrzehnte.

Aber wer sagt, dass man trotzdem nicht ins Ausland gehen kann, um zu lernen? „EU-Bürger müssen innerhalb der EU überall gleich behandelt werden“, sagt Markus Heil. Deswegen hat jeder Bürger in der EU das Recht, in einem anderen europäischen Land zu studieren – wenn er die Studiengebühren in diesem Land zahlt.

Man muss sich nur klar darüber sein, dass die Lebenshaltungskosten nicht überall gleich sind, und dass Universitäten verschiedene Anforderungen an die Sprachkenntnisse stellen. Deutsche oder irische Abitur-Kenntnisse in Spanisch sind nicht ausreichend, um in Spanien auch ein Studium zu beginnen. Man muss vorher eine Sprachprüfung ablegen und davor möglicherweise einen Sprachkurs belegen.

ECTS-Punkte

Die Europäische Union hat schon versucht, etwas bei den Studiengängen zu vereinheitlichen. 1989 wurde das ECTS-Punktesystem, in Deutschland Leistungspunktesystem genannt, eingeführt. Das sind Punkte, die einen Studienumfang bezeichnen.
Für einen „Credit Point" benötigt ein Student 20 bis 30 Stunden Arbeit. Da sind die Stunden, die in Seminaren und Vorlesungen verbracht werden, ebenso enthalten, wie die Zeit, die man daheim lernt. In jedem Semester muss man durchschnittlich 30 „Credit Points“ ergattern.

Das Problem dabei: „Nur der Zeitaufwand, um auf die nötigen Punkte zu kommen, ist vergleichbar“, erklärt Heil. Denn ansonsten ist das System mit den ECTS-Punkten kaum übertragbar. Die Fächer an den Unis sind überall in Europa anders aufgebaut, also ist das Wechseln von einer Uni zu einer anderen Uni sehr schwierig.

Ich hatte ernsthaft geglaubt, dass ich mit meinen ECTS-Punkten aus Irland einfach nach Deutschland oder Spanien gehen könnte, um etwas anderes zu studieren. Wie hätte ich wissen können, dass der Inhalt des Studienfachs Psychologie überall in Europa anders aufgebaut ist?
Die ECTS-Punkte meines Moduls in Sozial-Psychologie kann ich in Deutschland nicht einbringen. Oder nur sehr schwierig, weil dasselbe Modul in Deutschland erst ein Semester später drankommt. Markus Heil rät deshalb allen Studenten, ihren Bachelor erst einmal vollständig fertig in einem Land zu studieren, bevor sie in ein anderes Land wechseln. Am besten ist es, dann für den Master ins Ausland zu gehen.

Studienfach-Wechsel

Nun überlege ich, meinen Studiengang zu ändern und etwas anderes in Irland zu studieren. Aber wie soll ich mir das leisten können? Zwar gibt es keine Studiengebühren für den ersten Bachelor in Irland. Aber wenn du das Studienfach wechseln möchtest, kostet dich das mindestens 7 000 Euro Gebühren im Jahr. Das muss man sich dann gut überlegen, bevor man Hals über Kopf das Studienfach ändert. Hier in Deutschland gibt es keine extra Gebühren für Leute, die sich entscheiden, etwas anderes zu studieren.

Also, was mache ich jetzt? Mein jetziges Studium in Irland zu Ende bringen? In Irland ein neues Studium beginnen, wo ich am Ende mit Schulden dastehe? Oder woanders in Europa studieren, wo die Gebühren geringer sind? Was für eine schwere Entscheidung!
 

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