Backpacking ist kein Urlaub PDF Drucken

altStudentin Lisa erzählt euch von ihrem Work & Travel-Erlebnissen in Australien

 

Backpacking = Urlaub? Wer das glaubt, der irrt sich gewaltig! Unsere Mitarbeiterin Lisa Sollfrank (21) wollte über das Work & Travel-Programm Australien erkunden. Doch schon kurz nach der Ankunft stellt sie fest: Alleine reisen ist nicht so leicht, wie noch zu Hause gedacht. Und vernünftige Jobs sind für Backpacker kaum zu kriegen. Ein Erfahrungsbericht.

Flughafen Sydney. 19 Uhr. Ich befinde mich in einem Zustand, der einem Wachkoma sehr ähnlich ist. Die Reise von knapp 30 Stunden steht mir sicher ins Gesicht geschrieben. Zum Glück empfängt uns am Ausgang schon der Reiseleiter der Auslandsagentur AIFS, bei der wir unseren Work&Travel-Aufenthalt gebucht hatten. Wir – das sind etwa 20 junge Leute im blauen AIFS-T-Shirt.

Drei Tage verbringen wir nun im Hostel. Für mich steht gleich fest: Die Leute aus meinem Zimmer geb’ ich nie wieder her. Der Flug hat aus uns schon ein eingeschworenes Sechser-Team gemacht. Dumm nur, dass alle planen, für neun Monate in Australien zu bleiben und demnach erst einmal Geld verdienen wollen. Mein Plan ist: zwei Monate reisen, danach einen Monat arbeiten.
Gut, dann erstmal ab in die Stadt. Sydney ist zweifellos beeindruckend, aber das besondere Flair bleibt uns verborgen. Aber was kann man nach einem Tag schon über eine Millionenmetropole sagen? Die ersten zwei Tage regnet es bei 15 Grad. Uns gehen die warmen Klamotten aus, denn wir haben mehr fürs Wüstenwetter gepackt.

Die Leute von AIFS erklären uns, was die Organisation von uns erwartet. Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Aber nicht, dass sie uns besonders attraktive Arbeitsangebote vorstellen: Obst pflücken und zwar nach Kilos bezahlt. Unterkunft und Anfahrt zur Farm müssen wir selbst bezahlen – eine Null- oder gar Minus-Rechnung? Dennoch: Alle sind begeistert.
Schnell wird mir klar, dass sich unsere Wege hier trennen. Ich bin 15 000 Kilometer entfernt von daheim, mutterseelenallein und habe keinen Plan. Hinzu kommt, dass ich inzwischen aussehe wie Quasimodo: Mein Auge gleicht einer Tomate und meine rechte Gesichtshälfte ist angeschwollen. Eine Ärztin diagnostiziert eine schwere Bindehautentzündung.

Die nächsten Tage verfolgt mich das Pech: Ich werde fast ausgeraubt, im Fast-Food-Laden mit einem Messer bedroht und verbringe einen Tag ohne Essen, weil meine Kreditkarte nicht funktioniert. Nervlich am Ende und fertig mit der Stadt, steht fest: Ich muss hier weg. Aber wie und wohin? Von meiner Organisation brauche ich keine Hilfe erwarten. Die möchten bloß ihre zweifelhaften Arbeitsangebote unter die Leute bringen.

Hilfe finde ich in einem Backpacker-Reisebüro. Diese gibt es in allen großen Städten und sie heißen Wicked Travel, Peterpans oder Travel Bugs. Eine nette Mitarbeiterin geht mit mir Station für Station die ganze Ostküste durch und erzählt mir zu jeder Stadt etwas. Strand, Sonne, Great Barrier Reef – genau das brauche ich jetzt!

Ausflüge „opend dated“

Im Reisebüro kann ich auch gleich den Greyhound-Bus-Pass buchen, der mich von Cairns (wo ich hinfliege) wieder nach Sydney bringt – mit so vielen Stopps wie ich möchte. Auch Tickets ohne festes Datum für Ausflüge buche ich gleich. Diese werden „open dated“ ausgestellt.

altMeine erste Woche lasse ich in Gedanken hinter mir, als ich bei 35 Grad aus dem Flugzeug in Cairns steige und das tropische Klima auf mich wirken lasse. Die bunten Blumen und zahlreichen Pflanzen lassen das kleine Städtchen wie Hawaii wirken. Rein in den Bikini und auf zur Lagune, die direkt vor meinem Hostel an der Promenade liegt. Wegen der Quallen und Krokodile kann ich leider nicht ins Meer – zahlreiche Schilder warnen auch davor. Mehr als einmal schnell rein und gleich wieder raus ist allerdings auch bei der Lagune nicht drin: Es passt schließlich niemand auf meine Sachen auf.

Mit dem Bus reise ich bequem und günstig weiter nach Townsville. Auch wenn es teils sehr lange Strecken sind, gibt es immer was zu sehen – ob Wiesen voller Kängurus, atemberaubende Felsformationen oder zahlreiche Reihen von Palmen. Aber auch hier ist das Alleine-Reisen schwierig: Was mache ich mit meinem Rucksack, wenn ich mal schnell auf Toilette muss? Auf dem Sitz liegenlassen? Mitnehmen? In meinem Gepäck befindet sich schließlich meine gesamte momentane Existenz – Geld, Kreditkarte, Reisepass, Kamera, iPad.

Ich lerne zwar in den Hostels und bei Ausflügen immer wieder Leute kennen, aber innerhalb so kurzer Zeit enge Bande zu knüpfen, ist unmöglich. Es fehlt mir nicht nur jemand, der auf meine Dinge ein Auge hat, damit ich mal schwimmen gehen kann. Ich habe auch niemanden, mit dem ich Freude und Leid teilen kann, oder über Probleme und persönliche Dinge quatschen kann.
Höhepunkt meiner Reise ist ein Zwei-Tages-Trip nach Magnetic Island. Dort sehe ich Koalas in freier Wildbahn, und im Koala Village darf ich einen auf den Arm nehmen. Auch Krokodil und Tigerpython erlebe ich hautnah! Ein aufregender Tag.

Wer nach einem ereignisreichen Tag eine ruhige Nacht haben will, sollte in ein Hotel gehen. Ruhe findet man in einem Hostel nämlich nicht – andere Schlafplätze hätten mein Budget aber gesprengt. Dass das Hostelleben kein Zuckerschlecken wird, wusste ich vorher. Aber nach einiger Zeit fehlen mir zwei Dinge besonders: Privatsphäre und Schlaf. Du hast nie einen Raum in den du dich zurückziehen kannst, wenn du mal deine Ruhe haben willst.

Und wer Schnarcher oder rücksichtslose Leute, die früh um drei Uhr Türen knallen und Licht anmachen, mit im Zimmer hat oder eine feiernde Partymeute davor, wünscht sich bald auf eine einsame Insel. Ich schlafe nicht eine Nacht durch – trotz Ohropax und Augenbinde. Hinzu kommt, dass es in einigen Hostel-Zimmern keine Schränke gibt. Also nehme ich meine Wertsachen mit ins Bett: Nachts sticht der Reisepass in den Rücken, dann fällt das Handy vom Stockbett runter. Das ständige auf der Hut sein laugt mich aus.

Wanzenalarm

Auch wenn viele Hostels alles andere als sauber waren – ein Übel ist mir glücklicherweise erspart geblieben: Bettwanzen! Bed Bugs sind kleine Parasiten, die aussehen wie Zecken und sich in Bettbezügen und Laken verstecken. Sie lieben Blut – dementsprechend sieht die Haut danach aus, übersät von lauter Bissspuren.
Drei Monate Urlaubssemester in Australien statt Uni – das war eigentlich mein Plan. Auf meiner Reise entlang der Ostküste habe ich viele beeindruckende Dinge gesehen. Und gelernt, dass Backpacking zu zweit einfacher ist und mir viele unglückliche Momente erspart hätte. Nach acht Wochen habe ich meine Sachen gepackt und bin nach Hause geflogen.
 

 

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