„Die Welt ist voller netter Menschen” PDF Drucken

Lea Grimm (links) mit Isabelle Joncoux auf deren Farm in Mauriac. Dort werden etwa 320 000 Schnecken (Helix aspersa maxima) im Jahr aufgezogen. Foto: Lea Grimm Lea Grimm aus Erlangen verbrachte mit einem Reisestipendium von 600 Euro sieben Wochen in Frankreich

Ins Ausland fahren und dafür nichts zahlen, sondern sogar noch 600 Euro bekommen? Das gibt es wirklich: Die ZIS-Stiftung verschenkt Geld an Schüler und Studenten zwischen 16 und 20 Jahren, damit diese ein fremdes Land kennenlernen können.

 

 

Als Lea Grimm von dem Angebot hörte, bewarb sie sich sofort um das Reisestipendium. Auch die ungewöhnlichen Bedingungen schreckten die heute 20-Jährige, die im vergangenen Jahr am Ohm-Gymnasium in Erlangen Abitur gemacht hat, nicht ab.

 

Man muss mindestens einen Monat lang alleine im Ausland verbringen, sich vorher ein konkretes Thema überlegen, über das man im Zielland Informationen sammelt, und nach der Rückkehr einen Bericht über seine Erfahrungen schreiben. Und man darf insgesamt nicht mehr als die 600 Euro der Stiftung ausgeben!

„Es hat in den vergangenen Jahren niemand seine Reise abgebrochen, weil das Geld ausging”, beruhigt Dagmar Baltes, Geschäftsführerin der ZIS-Stiftung, die mit der Schule Schloss Salem zusammenarbeitet. „Ich war sieben Wochen in Frankreich und habe für Fahrt und Aufenthalt 400 Euro ausgegeben, das meiste für Reisekosten und Mitbringsel”, erzählt Lea Grimm.

Solche Grashalme sind die Kindesrtube der Schnecken. Hier leben sie in den ersten Wochen. Foto: Lea GrimmSie hat vier Schneckenfarmen besucht, um dort alles über die Zucht von Schnecken zu erfahren. „Ich hatte darüber vorher überhaupt keine Ahnung, sondern wusste nur, dass ich gerne nach Frankreich wollte.“ Die Idee mit den Schnecken ist ihr „beim Frühstück in der Familie gekommen, als wir überlegt haben, was denn typisch für Frankreich ist”.

In den Familienbetrieben in der Auvergne und im Elsass, die sie zuvor angeschrieben hatte, arbeitete sie mit und hatte dafür Kost und Logis frei. Schnecken füttern, ernten, schlachten, zubereiten, bei Führungen auf der Farm mitmachen, die Schnecken auf Sommermärkten verkaufen – Lea lernte alles von der Pieke auf kennen.

„Eigentlich konnte ich in der Schule gut Französisch, aber am Anfang hatte ich das Gefühl, dass ich kein Wort verstehe, wenn mir jemand etwas erklärt“, berichtet Lea. „Aber alle Familien waren sehr nett und fanden es toll, dass sich jemand aus Deutschland so für die Schneckenzucht interessiert, und haben sich mit mir viel Mühe gegeben.”

Im Herbst haben die Schnecken die anfangs noch reichliche Vegetation auf den Holzgestellen weggefressen und können geerntet werden. Foto: Lea GrimmAbends war Lea oft total kaputt – so viele neue Eindrücke strömten auf sie ein, und die Sprache erforderte höchste Konzentration. Dazu kamen immer neue Handgriffe, die nicht so einfach zu erlernen sind. Mit der Zeit wuchs die Sicherheit. „Nach vier Wochen war ich sprachlich so fit, dass ich mit den Besitzern den ganzen Tag über die verschiedenen Haltungs- und Zuchtmöglichkeiten der Schnecken diskutiert habe”, berichtet Lea, die mittlerweile ein freiwilliges ökologisches Jahr macht.

Neben der Schneckenzucht lernte Lea auch das Landleben kennen – bei einer Fahrradtour an der Dordogne, bei der Besichtigung einer Käsemacherei, beim Bummel durch die Dorfkneipen. „Ich bin kein Mensch, der schüchtern in der Ecke sitzt. Trotzdem hatte ich anfangs auch Bedenken. Was ist, wenn ich in eine Familie komme, mit der ich mich nicht verstehe? Das ist zum Glück nicht vorgekommen, doch selbst wenn – mein Ehrgeiz war sehr groß, meine Aufgabe zu schaffen.”

Ihre Altersgenossen will Lea ermutigen sich auch für so ein Reisestipendium zu bewerben. „Man sollte so etwas auf jeden Fall probieren, auch wenn es einem nicht so einfach fällt, auf fremde Menschen zuzugehen. Man kann ja zum Beispiel vorher in Jugendherbergen anfragen, ob man dort mithelfen und dafür dort günstig wohnen kann”, lautet Leas Ratschlag.

So gehen „Escargots à la Bourguignonne“. Zuerst wurden die Schnecken aus ihrem Haus geholt, danach die Häuser gereinigt und später in einem Ofen desinfiziert. Dann werden die Schnecken in die Häuser zurückgesteckt und mit Kräuterbutter (unser Bild) überzogen. Jetzt müssen sie nur noch im Ofen erhitzt werden.  Foto: Lea GrimmWeitere Beispiele für Themen, die andere Reisestipendiaten im vergangenen Jahr wählten: Heilpflanzen und traditionelle Medizin in Marokko, Musik in der Bretagne, politische und soziale Konflikte in der Ukraine, Leben auf einem Charterschiff in den Niederlanden.

Lea möchte die in Frankreich gemachten Erfahrungen nicht missen: „Mich in ein ganz neues Thema intensiv einzuarbeiten, dabei meine Sprachkenntnisse zu erweitern und schließlich das Ganze in einem Bericht zusammenzufassen, das wird mir sicher sehr fürs Studium helfen. Und es hat mein Selbstvertrauen und mein Vertrauen in die Menschen gestärkt. Ich habe erlebt, dass die Welt voller netter Menschen ist.”

JOACHIM GÖRES
 

 

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