Nachts um halb 2 an der Kinokasse PDF Drucken

Manchen Kinogängern hat zu viel Popcorn wohl das Hirn vernebelt, könnte man meinen... Illustration: Anne-Sophie HußlerEXTRA-GLOSSE: Vom Filmtitel-Raten bis zur Farbenlehre Was eine Kartenverkäuferin alles mitmacht

Es war einmal eine junge Dame, die hatte einen bescheidenen Traum: an einer Kinokasse arbeiten. Dies bietet viele Vorteile: Man muss nicht die ganze Zeit stehen, hat nur zu Stoßzeiten viel zu tun, und vor allem ist man nicht ständig dummen Fragen ausgesetzt. Doch mir sollte schnell bewusst werden, wie sehr frau sich irren kann...

"Verkaufen Sie hier Karten?“ Das ist wohl der beliebteste Satz von Kinogängern beim Herantreten an die Kasse. Man muss hier anmerken, dass ich als Kassenkraft in meinem Kassenblock sitze, mit einem Mitarbeiter-T-Shirt und einem Namensschild. Die ersten Male noch ein freundliches „Ja, natürlich“ gezwitschert, wird dieses ständige Fragen nach dem Offensichtlichen schnell zur Plage. Was sollte ich denn dort sonst machen? Da würde einem schon gern mal ein „Nein, hier gibt’s nur Döner und Pommes!“ über die Lippen gleiten.

Dann die am zweithäufigsten gestellte Frage: „Was läuft denn gerade?“ Natürlich ist es meine Aufgabe, den Kunden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Doch jetzt einmal bei aller Liebe: Bei 21 Kinos jeden einzelnen Film vorzutragen und dann auch noch die unweigerlich damit verknüpften Fragen wie „Worum geht’s denn da?“ oder „Ist der gut?“ zu beantworten, ist bei einer zehn Meter Schlange weder kundenfreundlich noch möglich!

Muss ich jetzt salutieren?

An der Kinokasse trifft man auf so allerlei Arten von Menschen – vor allem wenn man die Schlussschicht an einem Samstagabend hat, die bis drei Uhr dauert. Von leicht angetrunkenen Jugendlichen, deren Fahne einen fast ohnmächtig werden lässt, bis zu Pärchen, die nicht einmal zum Bezahlen ihre Zungen aus dem jeweils anderen Rachen ziehen können, ist alles dabei.

Ganz amüsant sind auch die, die an die Kasse herantreten und mich mit einem gut gelaunten und freundlichen „Schulze!“ anbellen. Das ruft bei mir unweigerlich den Reiz des Strammstehens und Salutierens hervor. Dabei will mir der überaus gesprächige Kunde damit lediglich mitteilen, dass er auf den Namen Schulze reserviert hat. Auf welchen Film, das müsste mir dann wohl doch klar sein.

Trotz allem hat man viel zum Lachen an der Kinokasse. Zum Beispiel beim Spiel „Filmtitel raten“. Eigentlich sollte man meinen, dass sich Kinogänger einen Filmtitel, der in der Regel kurz und nicht sehr ausgefallen ist, merken können. Normalerweise haben sie sich ja auch erst eine Stunde zuvor für diesen Film entschieden (oder in den „Was läuft denn gerade?“-Fällen etwa drei Sekunden vorher).

Dennoch kommt so etwas dabei heraus: Zucker und Punsch (gemeint war „Sucker Punch“), Aftatar („Avatar“), Maschäddi („Machete“), Kikeriki („Kokowäääh“), Sau fau („Saw 5“), Die Legende von Anus („Die Legende von Aang“) oder Alvin und die Chippendales („Alvin und die Chipmunks“). Hättet ihr es erraten?

„Ich will aber gelbe Sitze!“

Mein Standardsatz, wenn ein Kunde an der Kasse seinen Filmwunsch geäußert hat, ist (mit deutenden Handbewegungen): „Rot ist die Leinwand, grün ist frei. Wo würden Sie gerne sitzen?“ Das Problem hierbei ist, dass diese Aussage den meisten nicht zu reichen scheint – denn es gibt auch noch blaue und gelbe Sitze.

In 85 Prozent der Fälle kommt deshalb: „Und was ist mit den gelben und blauen?“ Den Reiz, einfach zu sagen „Gelb und blau sind NICHT grün!“, unterdrückend, antwortet man jedes Mal höflich: „Gelb ist verkauft und blau ist reserviert.“ Hat man dann ganz viel Glück, deutet der Kunde auf einen gelben Sitz und meint, er wolle genau dort sitzen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich mir wünsche, auf einer einsamen Insel zu leben.

Aber: Auch wenn einen die Kunden manchmal an den Rand der Verzweiflung (und darüber hinaus) bringen, hat die Arbeit immer etwas Gutes: das Team, die Mannschaft, die Crew – einfach die besten Kollegen der Welt! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fragen die Kunden auch heute noch, was gerade so läuft...

LISA SOLLFRANK
 

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Alex P.   |IP-77.7.100.xxx |02-07-2011 15:17:04
du sprichst mir aus der Seele
Christoph   |IP-93.132.248.xxx |11-08-2011 02:48:11
Ich arbeite zwar im Einlassbereich, wo wir unsere ganz eigenen Favoriten haben
(Kunden, die sich während oder vor dem Abspann des Vorfilms in den noch halb
belegten und mit Popcorntüten und Bechern vollgemüllten Saal setzen und baff
erstaunt sind, wenn man sie bittet, nochmal kurz draußen zu warten), die, ähm,
interessantesten Vorfälle gibt es aber auch bei uns an der Kasse, wenn man den
KollegInnen glauben darf.
Bei Maschäddi handelt es sich allerdings einfach um
die englische Aussprache, auch wenn sich mir nicht ganz erschließt, warum man
ein Wort, dass auch im Deutschen wunderbar Sinn macht unbedingt "im
Original" aussprechen muss. Aktuelles Beispiel Super Eight..

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