Julian ärgert Weltranglisten-Sechsten PDF Drucken

Konzentriert hält Snooker-Talent Julian Gärtner beim Training den Queue – denn er hat ein Ziel: Die weiße Kugel locht die rote ein und rollt danach in eine gute Position. Foto: Michael Müller15-jähriger Gymnasiast mischt den Snooker-Sport auf

Am Wochenende steigen in Fürth die „Paul Hunter Classics“, ein international beachtetes Weltranglistenturnier – und zwar im Snooker, einer technisch und taktisch sehr anspruchsvollen Variante des Billards (siehe „Snooker-Extra“ rechts). In Fürth mit am Spieltisch stehen wird auch der 15-jährige Julian Gärtner. Er frönt dem Snookersport seit gut drei Jahren, ist Bayerischer Meister und spielt sogar in der 2. Bundesliga.

Manchmal haben Krankheiten auch etwas Gutes: Bis er zwölf war, hat Julian Fußball gespielt. Dann musste er wegen eines Innenbandrisses länger pausieren. In dieser Zeit legte ihn im Urlaub auf Lanzarote ein Virus für ein paar Tage flach. Julian verbrachte die Zeit im Hotelzimmer und schaute ununterbrochen Snooker im Fernsehen. „Ab da war ich infiziert“, erzählt der 15-Jährige.

Also verabredete er Anfang 2008 ein Probetraining beim Snooker-Sport-Club Fürth (SSC) – und kam von dem Sport nicht mehr los. Die sechs Wochen Sommerferien in diesem Jahr verbrachte er fast ausschließlich im Vereinsheim. Mit seinem Kumpel Kilian stand er dort von morgens um 6 bis abends um 8 am Tisch. „Wir haben uns den Wecker auf 4 Uhr gestellt und sind mit dem Fahrrad nach Fürth geradelt“, erzählt Julian.

Noch heute trainiert er bis zu 30 Stunden pro Woche – auch zu Schulzeiten. „Snooker ist Entspannung, da schalte ich vom Schulstress ab“, sagt der Schüler des Nürnberger Peter-Vischer-Gymnasiums. Außerdem gibt es nur einen Weg, um im Snooker Erfolg zu haben: üben, üben, üben. Denn: „Du musst jeden Stoß ein paar tausend Mal machen, bis er sitzt.“

Das Training besteht daraus, immer wieder neue Bilder (Anordnung der Kugeln auf dem Tisch) zu spielen. Und dabei die Taktik zu schulen. Vor jedem Stoß muss Julian überlegen, wie er die weiße Kugel so auf Reisen schickt, dass sie einen gültigen Ball locht, gleichzeitig aber für den nächsten Stoß gut in Position rollt. Dabei ist jeder Millimeter entscheidend. Stößt Julian die weiße Kugel genau am Äquator an, bleibt sie nach der Berührung mit einem anderen Ball stehen. Trifft er sie oberhalb der Mitte, kommt sie zurückgerollt; unterhalb der Mitte läuft sie der anderen Kugel hinterher. Außerdem sind der Druck des Stoßes und die Körperhaltung entscheidend.

Ebenso wichtig ist das Safety-Spiel. Das heißt, man positioniert den weißen Ball so, dass der Gegner keine Chance hat, zu lochen. „Bei den Profis entscheidet fast nur das Sicherheitsspiel, wer gewinnt“, weiß Julian. Bei den „Paul Hunter Classics“ 2009 durfte der damals 13-Jährige gegen den Weltranglisten-Sechsten Ryan Day antreten – und hat ihn mit einem 20-minütigen Safety-Duell geärgert. „Hinterher hat Ryan mir dazu gratuliert.“

Das zählt sicherlich zu den Highlights in Julians Snooker-Karriere, ebenso wie seine Bayerischen Meistertitel der U16 und U21. In der vergangenen Saison hat der SSC ihn ins Team für die 2. Snooker-Bundesliga geholt; man landete auf Platz 3. Julian sei da „nimmer wegzudenken“, sagen seine Mitspieler, weil er „große Breaks“ spielen könne, also viele Punkte in Serie holt. Dabei sind solche Snooker-Matches anstrengend: Sein längstes Turnier hielt Julian von morgens um 8 bis nachts halb 2 in Atem – und am nächsten Tag ging es zehn Stunden weiter. „Die größte Herausforderung ist es, die ganze Zeit über konzentriert zu bleiben“, sagt Julian. „Denn ein Fehler bedeutet oft, dass du den Satz verlierst.“

Zwei bis drei Turniere spielt Julian im Monat und fährt dafür bis nach Berlin, Wien oder Basel. An Auswärts-Spieltagen der Bundesliga ist er von Samstagmorgen bis Sonntagabend unterwegs. Dann nimmt er seine Hefter mit und büffelt schon mal im Hotel. „Auch morgens bei einer Tasse Tee vor der Schule kann er super lernen“, sagt sein Vater.

Training auf Englisch

Da hilft die Konzentrationsfähigkeit, die Julian beim Snooker gelernt hat. Ein Drei-Stunden-Aufsatz in Deutsch ist kein Problem. Und auch der Englisch-Lehrer freut sich über Julians Sport – denn mit seinem Trainer Chris McBreen, einem ehemaligen Profi aus Neuseeland, spricht der Bald-Zehntklässler nur Englisch. Was Julian so reizt an dem grünen Tisch, den bunten Kugeln und dem Queue? „Snooker ist fast eine Sucht“, sagt er mit leuchtenden Augen. Zurück zum Fußball zu wechseln, kann er sich nicht mehr vorstellen: „Da kannst du selbst zwar gut sein, aber wenn deine Mitspieler Fehler machen, verlierst du trotzdem. Beim Snooker kommt es nur auf deine Leistung an: Spielst du gut, gewinnst du.“ Sagt’s und locht wie zum Beweis zwei Kugeln ein.

ANNIKA PEISSKER

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