Chance für benachteiligte Schüler PDF Drucken

In der Küche lernen die Azubis, wie man ein leckeres Essen kocht. Foto: PfeiferAn der Ansbacher Förderberufsschule lernen die Azubis nicht nur einen Beruf

Wer seinen Schulabschluss hat, geht studieren oder macht eine Ausbildung. Aber welche Möglichkeiten haben Jugendliche, die sich nur schwer an regulären Berufsschulen oder in der Arbeitswelt zurechtfinden können? Unsere Praktikantin Astrid Pfeifer (17) hat die Staatliche Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung in Ansbach besucht. Dort sind gerade 60 Auszubildende in der 10. Klasse ins erste Lehrjahr gestartet.

Von außen sieht diese Schule aus wie jede andere. Moderne Elemente mit bunten Farben und großen Glasflächen treffen auf eine alte Fachwerkmauer, die von wildem Wein überwuchert wird. Rund um den kleinen Schulhof sind ein paar Bäume gepflanzt.

Doch diese Schule ist nicht wie jede anderen. Hier werden Jugendliche unterrichtet, die an einer regulären Berufsschule keine Chance hätten. In speziellem Förderunterricht werden sie aufs Berufsleben vorbereitet. 500 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren werden in fast 40 Klassen pro Jahr beispielsweise zu Köchen, Verkäufern oder Metallbauern ausgebildet.
Im Lehrerzimmer bin ich mit Dirk Richter verabredet. Er unterrichtet hier junge Köchinnen und Köche. Während ich ihn zu seinem Klassenzimmer begleite, erzählt er mir, worauf er beim Umgang mit seinen Schülern besonders achten muss. „Ich bemühe mich, meine Unterrichtsstunden immer langsam und geduldig zu halten. Der Stoff muss anschaulich und mit vielen Beispielen erklärt werden, und ich muss aufpassen, dass auch jeder mitkommt.“

Weil alles, was im Unterricht durchgenommen wird, in den Prüfungen abgefragt werden kann, wiederholen die Lehrer mit den Schülern den Stoff ständig. „Am wichtigsten ist es aber, immer wieder aufmerksam mit ihnen zu sprechen. Indem ich ein Vertrauensverhältnis zu meinen Schülern aufbaue, kann ich viel besser auf ihre speziellen Bedürfnisse eingehen“, sagt Richter.

Drei einsame Schüler

Was Dirk Richter mir erklärt hat, kann ich im Unterricht live mitverfolgen. Nicht nur, dass sich der Lehrer besonders individuell um seine Schüler kümmert – die Klassen sind hier auch wesentlich kleiner als an anderen Schulen. Wenn ein paar Jugendliche krank sind und fehlen, kann es schon mal vorkommen, dass man als Lehrer vor drei einsamen Schülern im Klassenzimmer steht.

Ortswechsel: In der Küche geht es rund, schließlich muss das Essen am Ende der Unterrichtsstunde fertig sein. Es duftet herrlich – es gibt Gulasch!  „Ich bin stolz, wenn ich etwas gekocht habe“, erzählt Schülerin Denise. „Es macht mich glücklich, etwas hergestellt zu haben, was anderen Leuten gut schmeckt.“ Denise ist froh, dass es die Förderberufsschule gibt. „Hier kann ich nicht nur einen interessanten Beruf lernen, sondern auch meine Verhaltensprobleme in den Griff bekommen.“

Die meisten Jungs und Mädels hier haben Lernschwierigkeiten oder – wie Denise – Verhaltensprobleme. Viele können sich nur schwer über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren. Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die kaum Deutsch sprechen, sind unter den Schülern. Manche können nur schlecht oder gar nicht lesen. Wieder andere leben bei ihren suchtkranken oder sozial schwachen Eltern, wo Ärger und akuter Geldmangel auf der Tagesordnung sind.
„Für viele Schüler ist das Lernen neben den Problemem zu Hause völlig unwichtig“, weiß Lehrer Dirk Richter. Zur Vergangenheit der Jugendlichen gehört oft eine Laufbahn an einer Förderschule. Viele haben aber auch die Hauptschule ohne Abschluss verlassen und wollen nun an der Förderberufsschule den Absprung ins Arbeitsleben schaffen.
„Ein Stichwort, das mir besonders viel bedeutet, ist Motivation. Man muss den Schülern immer zeigen, dass sie etwas können“, erklärt Dirk Richters Kollegin, die Sonderschullehrerin Christiane Lother.

Auch spezielle Berufe

Organisiert ist die Ausbildung ähnlich wie an einer regulären Berufsschule: Die Jugendlichen besuchen abwechselnd die Schule und lernen in einem Ausbildungsbetrieb. Dabei können sie zwischen sechs verschiedenen Fachrichtungen wählen.
Bei besonders anspruchsvollen Berufen wie dem Koch dauert die Ausbildung ein Jahr länger als normalerweise. Dafür werden aber auch Berufe speziell für benachteiligte Menschen angeboten, wie zum Beispiel der Beikoch. Und wer am Ende die Abschlussprüfung besteht, hat das Niveau einer normalen Berufsausbildung erreicht.
„Das Besondere an unserer Schule ist“, erklärt Christine Schmiedgen-Pedreiro, die stellvertretende Schulleiterin, „dass wir sehr eng mit Sozialpädagogen zusammenarbeiten. Weil sie sich regelmäßig mit dem Lehrerkollegium und dem ausbildenden Betrieb austauschen, können sie sehr gut abschätzen, an was es unseren Schülern mangelt.“

So bieten die Sozialpädagogen beispielsweise Nachhilfeunterricht in der Kleingruppe an. „Wenn unsere Schüler mal ein Problem mit ihren Eltern, Mitschülern oder Lehrern haben, können sie damit jederzeit zu den Sozialpädagogen kommen“, sagt Schmiedgen-Pedreiro. „Gemeinsam wird dann eine Lösung gesucht. Wenn nötig, bitten sie zum Beispiel die Eltern zum Gespräch in die Schule.“

Nach dem Besuch im Lehrerzimmer schleiche ich mich noch einmal in ein Klassenzimmer: Ich lande mitten in einer Jungsklasse. „Wir machen die Ausbildung zum Metallfachwerker“, erklärt Azubi Marco. „Das ist ein sehr vielseitiger Beruf. Metallfachwerker müssen bohren, zuschneiden, schweißen und noch viel mehr. Das macht mir Spaß.“
Ich frage in die Runde, was hier wohl der Unterschied zur normalen Berufsschule ist. Alle sind sich einig. „Wir haben viel mehr Zeit zum Lernen.“

Kaum habe ich die Metallfachwerker-Klasse verlassen, läutet die Schulglocke. Jetzt wird aus der Förderberufsschule wieder eine Schule wie jede andere, aus deren Türen die Jungs und Mädels strömen, laut und quatschend.
 

 

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