Alles ist gut PDF Drucken

Donnerstag, 5. Januar 2012, 8.18 Uhr, Sarahs Mutter

Alles ist gut. Aber langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen deswegen. Darf Weihnachten schön gewesen sein, obwohl Sarah so weit weg ist? Darf ich Silvester gefeiert haben, obwohl ich nicht mit meiner Tochter anstoßen konnte? 

 

"Und, wie war Weihnachten ohne Sarah? Und Silvester?" Diese besorgten Fragen werden mir derzeit ständig gestellt. Ich weiß, sie sind nett gemeint. Die Menschen nehmen Anteil an Sarahs Austauschjahr und am Schicksal ihrer daheimgebliebenen Restfamilie. Ich freue mich auch darüber. Aber je öfter ich diese Fragen höre, desto mehr machen sie mir ein schlechtes Gewissen. Weil sie mir signalisieren, dass andere Menschen erwarten, dass es mir schlecht ging.  Tat es aber nicht. Klar habe ich an Sarah gedacht. Und es gab auch Momente, wo ich sie gerne bei mir gehabt hätte. Mir fehlen die Gespräche mit ihr. Und ihr ansteckendes Lachen.

 

Aber von Wehmut, Traurigkeit oder gar Sehnsuchtstränen bin ich ganz weit weg. Selbst wenn ich intensiv in mich hineinhorche, ist da nichts. Kein Trennungsschmerz. Keine Verzweiflung, keine Besorgnis, keine Angst um sie. Kein Bereuen, dass wir ihr dieses Jahr erlaubt und ermöglicht haben.

Dafür erkenne ich langsam, wie viel ich in diesem Jahr, in dem doch eigentlich meine Tochter Erfahrungen sammeln soll, über mich selbst erfahre.  Ich weiß jetzt: Ich kann sie loslassen und ihr trotzdem nahe sein. Ich kann es akzeptieren, dass sie Beziehungen zu Menschen aufbaut, die ich nicht kenne, und mit ihnen tolle Dinge erlebt. Aber eines ist mir wichtig: Dass sie mir davon erzählt. Dass ich mit ihr darüber reden und dadurch Anteil nehmen kann.

Auch Sarah hat das gemerkt. Am Anfang hat sie sich kaum gemeldet. Mittlerweile stehen wir in ständigem Email-Kontakt. Über Alltagsdinge schreiben wir da. Manchmal diskutieren wir über Politik, manchmal wundern wir uns darüber, dass sich die Preise von Klamotten oder Hygieneartikeln in Deutschland und den USA so sehr unterscheiden. Und aus den Emails weiß ich: Ihr Weihnachten und ihr Silvester war genauso gut wie meines.

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