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Warum Gehen und Schreien bei der Ausbildungsplatzsuche helfen
Super Noten sind nicht alles. Das haben inzwischen auch Ausbildungsbetriebe verstanden. Während Firmen immer öfter Ausbildungsplätze nicht besetzen können, weil qualifizierter Nachwuchs fehlt, stehen andererseits Jugendliche auf der Straße, weil sie keiner einstellen will. Das Projekt „Soft Skills fördern durch Kultur“ soll helfen, das Problem zu lösen.
"Was macht ein Choregraph mit Tänzern?“ Schweigen in der Runde. „Keine Angst, hier muss keiner Spagat und Kopfstand machen“, ruft Tanzpädagin Alexandra Rauh ihren Schützlingen zu. Die 16 Siebtklässler der Preißler-Mittelschule sind eine von fünf Schülergruppen, die am neuen „Soft Skills“-Projekt für Nürnberger Schüler teilnehmen. Dessen Ziel ist, die Persönlichkeitsentwicklung von Mittelschülern durch die Beschäftigung mit verschiedenen Bereichen von Kultur zu fördern.
„Fachkräftemangel und Jugendarbeitslosigkeit sind ein Zeichen für das kollektive Versagen der Gesellschaft. Wir müssen aufhören, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir, die Wirtschaft, muss ihren Beitrag leisten“, gibt Dirk von Vopelius, Präsident der Nürnberger Industrie- und Handelskammer (IHK), zum Start des Projekts als Losung aus. 36000 Euro investiert die IHK in das Gemeinschaftsprojekt mit dem Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Museen und dem Schulamt. Drei Jahre ist das Projekt damit gesichert. „Das ist gut angelegtes Geld“, findet Vopelius. „Es soll uns kein Talent verloren gehen.“
Kein Talent verlieren
Den Schülern Zugang zu bislang unbekannten Themen ermöglichen und verborgene Talente wecken, lautet die Devise. In sechs Kursen setzen sich die Schüler mit Körpersprache, Sprachkompetenz, Improvisationsgeschick und Meinungsäußerung auseinander. Jedes Thema ist dabei in eine spezielle Kultursparte wie Tanz, Schauspiel, Bildene Kunst oder Rhetorik eingebettet – und findet an einem anderen kulturellen Ort statt.
Im Künstlerhaus bei Choreographin Alexandra Rauh geht es um Bewegung und die bewusste Kontrolle des eigenen Körpers. Als Aufwärmübung sollen die Siebtklässer rhythmisch zur Musik frei im Raum umhergehen. Gar nicht so leicht – wie durch einen Automatismus gesteuert latschen bald alle hintereinander im Kreis. „Ihr lauft wie eine Kindergartenhorde!“, ermahnt Alexandra Rauh.
Dann sollen die Schüler mit ihrem Gang und Blick bewusst einen Gefühlszustand ausdrücken: wütend, stark, freundlich, offen, entschlossen... „Abstand halten! Kopf hoch! Schultern gerade!“ Immer wieder schallen die Kommandos der Tanzpädagogin durch den Raum. „Das Wichtigste ist Präsenz“, erklärt sie den Schülern. „Wenn ihr auf der Bühne steht und die Aufmerksamkeit des Publikums wollt, braucht ihr eine bestimmte Haltung – innerlich und nach außen. Seid präsent!“
Nach und nach entwickeln die Mädchen und Jungs unter Alexandra Rauhs Anleitung eine richtige kleine Choreographie: Sie sinken wie in Zeitlupe zu Boden, igeln sich ein, verharren – um im nächsten Moment aufzuspringen und mit hochgestreckten Armen zu zeigen: Hier bin ich! „Das macht voll Spaß“, findet Despina (12), aber Freundin Edona (12) muss auch zugeben, dass es „richtig schwer ist, die Körperspannung zu halten“.
Menschliches Handynetz
Die Gruppe der Klassen 8a und 8b der Hauptschule St. Leonhard ist schon einen Schritt weiter. Im Kurs mit Theaterpädagogin Gudrun Dietzfelbinger im Museum für Kommunikation steht die Sprache im Mittelpunkt. Während die Schüler durch den Ausstellungssaal laufen, werfen sie sich Wortfetzen zu, aus denen sich nach und nach eine Telefon-Geschichte spinnt. „Wir bauen ein menschliches Handynetz auf“, sagt die Kursleiterin.
Zwischendrin macht sie mit den Schülern immer wieder eine Lektion Sprechtraining. Dann rufen alle in unterschiedlichen Gefühlslagen „Ja, Mann!“ oder „Ich habe was gesaaahaaagt!“ Schreien ist in dieser Unterrichtsstunde ausdrücklich erlaubt.
Durch kurze Spielszenen und die Arbeit mit Sprache und Texten soll in diesem Modul die Ausdrucksfähigkeit und Improvisation trainiert werden. Lehrerin Ute Gutowski ist begeistert: „Wir bekommen in den Schulen inzwischen so viele Angebote, da muss ich als Lehrerin schon kritisch auswählen, was den Schülern auch wirklich etwas bringt. Dieses Gefühl habe ich hier.“
Auch IHK-Präsident Vopelius ist von der Wirksamkeit des Programms überzeugt: „Jeder Jugendliche, der einmal auf einer Bühne stand, wird sich im Vorstellungsgespräch anders präsentieren.“
Bleibt nur die Frage, ob das Projekt auch die erreicht, die es am nötigsten haben, dass ihre Soft Skills ans Licht kommen.
KRISTINA BANASCH
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