Der Mensch denkt, das Hirn lenkt PDF Drucken

Der Neurobiologe Prof. Gerhard Roth (69) hatte zuerst Philosophie studiertDer Neurobiologe Prof. Gerhard Roth erforscht, wie frei unser Wille wirklich ist

Das Museum „Turm der Sinne“ lädt vom 14. bis 16. Oktober zu einem Symposium ein. Die Veranstaltung ist längst ausverkauft. Um zu zeigen, wie die aktuelle Hirnforschung über Moral, Schuld und Strafe diskutiert, sprachen wir vorab mit dem Star auf dem Podium.


Herr Prof. Roth, Sie haben Philosophie studiert, heute sind Sie Neurobiologe. Sind Sie konvertiert von der Geistes- zur Naturwissenschaft?
Gerhard Roth: Schon als Schüler hat mich die Frage, was Bewusstsein ist, fasziniert. Was ist der Motor des Menschen, was treibt uns an, zu tun, was wir tun? Ich hatte auf die Erklärungen der Philosophie gehofft und ich genoss als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes in Münster und Rom auch eine sehr gute Ausbildung. Doch in Bezug auf meine Fragen kam ich nicht weiter. So schloss ich ein Biologie-Studium an. Schade, dass es nicht mehr möglich ist, hochtalentierten jungen Leuten ein Zweitstudium zu sponsern – leider müssen sie heute so etwas aus eigener Tasche bezahlen.

Als Hirnforscher blicken Sie auf knapp drei Pfund Nervenzellen, als Philosoph fragen Sie nach dem freien Willen. Mal ganz banal: Mir fällt es schwer, am Morgen aufzustehen. Trotzdem war der Wunsch, Sie zu interviewen, stärker, als der Wunsch im Bett zu bleiben. Warum?
Roth: Das Pflichtbewusstsein und der Wille, das Interview zu führen, wogen offenbar schwerer. Für alles, was wir tun, gibt es Motive, sonst tun wir nichts. Im Kopf findet ein Kampf statt: Das Temperament, die emotionale Konditionierung und natürlich auch die sozial motivierte Angst, dass Ihr Chef tobt, wenn Sie sagen, Sie haben lieber geschlafen, als Gerhard Roth zu interviewen. Und trotzdem wird Ihnen das frühe Aufstehen auch mit 85 Jahren noch schwer fallen – das hört nie auf. Wie schwer der Kampf zwischen Aufstehen und Liegenbleiben ist, bedingen zum größten Teil die Gene.

Kann ich mich denn selbst so erziehen, dass es mir leichter fällt, früher aus dem Bett zu kommen?
Roth: Es gibt Menschen, die trainieren jahrelang das Aufstehen und schaffen es nicht. Ob und wie stark sich ein Mensch ändern kann oder durch andere geändert werden kann, ist zum großen Teil Veranlagung. Man kann sich nur unter günstigen Umständen ändern, etwa weil man über ein bestimmtes Temperament verfügt und es die Gene und die frühkindlichen Prägungen auch zulassen. Der Wille ist nicht so frei, er wird wesentlich von unserer unbewussten Erfahrung gesteuert.

Wenn es so schwierig ist, sich zu ändern, was heißt das für Schuld und Strafe? Wie frei sind Straftäter in ihrem Willen? Ändert die Hirnforschung das Menschenbild – und damit auch das Strafrecht?
Roth: Um mich strafbar zu machen, muss ich nicht nur ein Unrecht begehen, sondern nach herkömmlicher Sicht auch Schuld an meinem Verhalten tragen. In diesem Sinn ist die Willensfreiheit eine Norm: Der Mensch hat die Wahl, sich zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse zu entscheiden. 1952 bestätigte der Bundesgerichtshof (BGH) die Willensfreiheit zur Voraussetzung unseres Strafrechts, von Strafe überhaupt.

In unserem Recht gilt der Grundsatz: Keine Strafe ohne Schuld.
Roth: Das herrschende Strafrechtssystem braucht die Annahme, dass Täter sich frei entscheiden können, sich anders zu verhalten. Der Strafrechtstheoretiker Eduard Kohlrausch nannte die Willensfreiheit schon im Jahr 1905 eine „staatsnotwendige Fiktion“. Heute gibt es Theoretiker, die diese Norm des freien Willens nicht einfach als Maßstab setzen – schließlich kann man von einem Menschen nicht verlangen, was er nicht von Natur aus kann.

Vor Gericht wird anerkannt, dass es pathologische Zustände gibt, in denen Menschen nicht autonom handeln können. Wenn eine psychische Erkrankung oder ein Vollrausch den Täter daran hindern, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder anders zu handeln, erhält er eine verminderte Strafe oder wird in einer Klinik untergebracht.
Roth: Aber es geht ja um die Willensfreiheit als fiktive Norm, und ebenso könnten wir die Norm aufstellen, dass jeder mindestens fünf Meter weit springen können muss. Dabei ist bei traumatisierten Tätern nachgewiesen, dass sie ihre Selbstkontrolle verlieren, weil ihre Impulshemmung nur mangelhaft ist, ihr Stress-System weniger belastbar. Ich denke an Täter mit einer trostlosen Kindheit, misshandelt, missbraucht und vernachlässigt. Manche von ihnen geraten schon früh auf Abwege, werden mit acht Jahren kriminell, mit 15 schwerkriminell. Aus klinischer und psychiatrischer Sicht haben wir überzeugende Daten. Selbst vor der Geburt erlittene Schäden sind im Gehirn nachweisbar.

Wie soll sich denn jemand ändern, der mit dem Gedanken aufwuchs, dass Gewalt normal ist? Ist dies überhaupt möglich?
Roth: Nur sehr schwer, aber es ist nicht unmöglich. Großeltern, die um derartige Misshandlungen an ihren Enkeln wissen, können eventuell psycho-soziale Belastungen kompensieren. Je früher eine dritte Person rettend eingreift, desto wirksamer ist deren Hilfe. Kollegen, Mitarbeiter und ich arbeiten derzeit mit jugendlichen Intensiv-Straftätern, um zu erforschen, inwieweit mit Hilfe von Sozialtraining Verhalten verändert werden kann.

Doch nicht jeder, der als Kind geprügelt wurde, wird kriminell...
Roth: Und auch nicht jeder, der Drogen nimmt, wird süchtig. Suchtkranke sind genetisch und psychisch vorbelastet, und dafür können sie nichts. Ob und inwieweit sich ein Mensch ändern oder durch andere verändert werden kann, ist weitgehend Veranlagung. Unser Alltagsdenken, wenn jemand nur wollte, dann könnte er schon, trifft einfach nicht zu.

Da wundert man sich doch oft über Geschwister-Kinder: Bei ähnlichen Genen und ähnlicher Erziehung entwickeln sie sich völlig unterschiedlich...
Roth: (lacht) Und als Vater fragt man sich, ob das Kind wirklich von einem selbst ist. Tatsächlich ist inzwischen relativ klar, wie sehr der Mensch durch das Zusammenwirken von Genen und Umwelt geprägt wird. Intelligenz ist zu 50 Prozent angeboren, 30 Prozent ist umweltbedingt – der Rest bleibt meist unaufgeklärt. Temperament und die Persönlichkeit sind zu 20 bis 30 Prozent angeboren, es spielt hierbei also die Umwelt eine viel größere Rolle.

Wie geht es denn weiter? Die Forschung will die Ursachen von psychischen Krankheiten ja nicht nur verstehen, sondern sie heilen. Und auch wenn Straftäter nur getrieben von ihren sozialen Erfahrungen handeln – die Gesellschaft verdient dennoch Schutz.
Roth: An dieser Stelle kann man jede philosophische Überlegung abtrennen. Statistisch ist erwiesen, dass die Rückfallquote umso höher ausfällt, je schwerer die Strafe war. Gefängnisse als reine Verwahranstalten, ohne psychologische Betreuung, sind daher auch ökonomisch gesehen Unsinn. Es ist viel erfolgversprechender und finanziell günstiger, Täter zu bessern. Unter diesem Aspekt sind bei Intensivstraftätern schärfere Strafgesetze sinnlos, denn auch Abschreckung ist hier unwirksam.

Die Forschung enträtselt zunehmend die geistig-psychische Welt – glauben Sie, dass wir bald auch Machinen erfinden, die für uns denken?
Roth: Ich bin fest davon überzeugt, dass es in 20 Jahren große Computer geben wird, die anstelle von Politikern Entscheidungen treffen werden. Vieles ist doch heute für menschliche Experten schon viel zu kompliziert geworden.

Interview: ULRIKE LÖW

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