Wenn alte Knochen Segen spenden PDF Drucken

Unser Bild zeigt eine um 1350 entstandene Steinplastik in Meran, das Foto ist dem Buch „St. Nikolaus“ von Werner Mezger entnommen.  Erlanger DFG-Forschergruppe untersucht das Thema Heilige und ihre Heiligkeit

Wann gilt jemand oder etwas als heilig? Und warum? Mit solchen Fragen befasst sich die neue Forschergruppe „Sakralität und Sakralisierung in Mittelalter und Früher Neuzeit“ an der Uni Erlangen-Nürnberg, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Ein ideales Fallbeispiel: der heilige Nikolaus.

Wirklich gesicherte Erkenntnisse über den Mann gibt es nur sehr wenige: Er hieß Nikolaus und war Anfang des 4. Jahrhunderts Bischof in Myra. Heute heißt die Stadt Demre und gehört zur Provinz Antalya in der Türkei. Dass er an einem 6. Dezember gestorben sein soll, gehört schon in den Bereich der Legenden. Und davon gibt es jede Menge über ihn.

Zum Beispiel die vom „Schülerwunder“. Nach heutiger Lesart besagt sie, dass zwei reiche Studenten während eines Auslandspraktikums in der Türkei von einem bösartigen Wohnheimleiter nicht nur ausgeraubt, sondern auch zerstückelt und eingepökelt wurden. Nikolaus erfuhr davon, reiste vor Ort, erweckte die beiden wieder zum Leben – und beließ es bei einer Ermahnung für den Doppelmörder.

Diese und andere Geschichten entstanden indes erst Jahrhunderte nach seinem Tod. Die frühesten Nikolaus-Biographien erschienen zwischen 750 und 850 in seiner Heimat, die damals Lykien genannt wurde.

„So richtig spannend wird die Geschichte des heiligen Nikolaus, als seine Reliquien 1087 aus Kleinasien nach Venedig übertragen werden sollten“, sagt Prof. Klaus Herbers. Er ist Inhaber des Erlanger Lehrstuhls für mittelalterliche Geschichte und Sprecher der neuen DFG-Forschergruppe zum Thema „Sakralität“.

Denn seit dem 9. Jahrhundert war es in Europa, vor allem in Italien, in Mode gekommen, Knochen von Heiligen aufzusammeln, zu lagern und eine große Kirche drum herum zu bauen. „Die Menschen glaubten, dass die Reliquien der Heiligen besonders große Gnade und Wirkkraft übertragen könnten“, sagt Herbers.

„Auf diese Weise bekam auch der Ort, an dem die Reliquien aufbewahrt und verehrt wurden, automatisch eine gewisse Heiligkeit.“ Ein besonders eifriger Reliquienjäger war damals der mächtige Stadtstaat Venedig. Doch im Jahr 1087, kurz vor Beginn der Kreuzzüge, schnappten Kaufleute aus der süditalienischen Hafenstadt Bari den Venezianern die Knochen des heiligen Nikolaus vor der Nase weg. Sie brachten sie heim nach Bari, wo sich schnell ein entsprechender Kult entwickelte.

Insofern ist Nikolaus ein typisches Beispiel für die Arbeit der DFG-Forschergruppe: „Durch Schriften wird einer Person Heiligkeit zugeschrieben. Durch Verehrung und rituelle Akte werden die Reliquien dieser Person weiter geheiligt. Und schließlich erhält auch der Ort, an dem dies geschieht, eine neue Art von Sakralität“, erklärt Herbers.

Im christlichen Kulturkreis mag das alles schon schwierig oder mysteriös genug sein. „Richtig kompliziert wird es jedoch dann, wenn wir diesen Bereich verlassen und andere Religionen in den Blick nehmen“, sagt Herbers.

Ziel der DFG-Forschergruppe ist daher eine vergleichende Betrachtung sowohl christlicher als auch nicht-christlicher Konzeptionen von Heiligkeit in verschiedenen europäischen und asiatischen Kulturräumen.
An dem Projekt beteiligt sind Forscher aus den Erlanger Fächern Vergleichende Religionswissenschaft, Christliche Archäologie, Mittelalterliche Geschichte, Mittellateinische Philologie sowie Sinologie. Dazu kommen noch Indologen der Uni Würzburg und Germanisten der Uni Zürich.

Einen gewaltigen Schub bekam der Kult um den heiligen Nikolaus ab dem 13. Jahrhundert. In dieser Zeit entstand auch die Legende vom „Schülerwunder“. Seitdem gilt Nikolaus als Schutzpatron der Kinder — der ihnen an seinem Namenstag Geschenke bringt. So war ursprünglich der Nikolaustag auch der Tag der Bescherung.

Beschenkt wurde allerdings nur, wer sich zuvor entsprechend gut benommen hatte. Dieser Brauch geht auf die katholische Liturgie am 6. Dezember zurück. An diesem Tag stand das Evangelium aus Matthäus 25 (14-23) auf dem Programm. Dort wird das Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt: Drei Knechte bekamen Geldstücke anvertraut, um sie je nach ihren Fähigkeiten einzusetzen. Nach der Rückkehr des Herrn musste jeder Rechenschaft ablegen, was er mit dem Geld gemacht hatte.

Auf diese Bibelstelle geht der Brauch zurück, dass der Nikolaus die Kinder fragt, ob sie denn auch brav und fromm gewesen sind.

Die Reformation lehnte die Heiligenverehrung ab. Martin Luther jedoch wollte den Brauch der Bescherung nicht gleich mit abschaffen. Und so wurde der Nikolaus als Gabenbringer vom Christkind abgelöst.
 

Und weil das alles so gut wie in Vergessenheit geraten ist, haben es viele Kinder — gerade in Franken — besonders gut. Sie bekommen Geschenke vom Christkind und vom Nikolaus – und vom Pelzmärtel. Aber das ist bekanntlich wieder ein ganz anderer Heiliger...

LOTHAR HOJA

Mehr Infos über die DFG-Forschergruppe gibt es auf www.sakralitaet.uni-erlangen.de
 

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